Über den Aufstieg in die 3. Bundesliga, Gerüchte aus der Szene und die Idee hinter dem Projekt.
Motor Falkensee hat in den vergangenen Jahren eine Entwicklung genommen, die im brandenburgischen Tischtennis kaum jemand für möglich gehalten hätte. 2019/20 spielte die erste Herrenmannschaft noch in der Landesliga, nun steht der Verein nach der Regionalliga-Meisterschaft vor seiner ersten Saison in der 3. Bundesliga. Hinter dem sportlichen Aufstieg steht vor allem ein Name: Dirk Thelen. Seit rund fünf Jahren prägt er als sportlicher Leiter gemeinsam mit seinem Team die Entwicklung der Tischtennis-Abteilung des Vereins. Im Gespräch erklärt er, warum der Erfolg für ihn mehr ist als eine starke erste Mannschaft, weshalb viele Gerüchte aus seiner Sicht zu kurz greifen und was Falkensee langfristig im brandenburgischen Tischtennis bewegen möchte.
Dirk, wo kommst du sportlich her und wie bist du zu dieser Aufgabe gekommen?

Dirk Thelen: Ich habe selbst relativ spät mit Tischtennis angefangen, mit 14 Jahren bei Tempelhof-Mariendorf. Das war damals ein sehr guter Jugendverein. Irgendwann sagte mein Trainer zu mir: „Bundesliga-Profi wird vielleicht schwierig, aber Trainer werden, könnte etwas für dich sein.“ So bin ich früh in diese Rolle hineingewachsen. Ich habe später selbst Oberliga und Verbandsliga gespielt, war aber immer mit Freude im Trainerbereich unterwegs.
Über verschiedene Stationen, unter anderem Borussia Spandau und Füchse Berlin, bin ich dann schließlich nach Falkensee gekommen. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt gar kein großes neues Projekt mehr anfangen. Der erste Kontakt kam über Marcel Haustein zustande, der wieder in Falkensee aktiv werden wollte und mich gefragt hat, ob ich das Training unterstützen kann. Am Anfang ging es tatsächlich nur um die erste Herrenmannschaft. Daraus ist dann nach und nach viel mehr entstanden.
Die erste Herrenmannschaft spielte 2019/20 noch in der Landesliga. Nun gelang ihr der fünfte Aufstieg in 6 Jahren. Von außen wirkt das fast wie ein müheloser Durchmarsch. Welche Hürden sieht man als Außenstehender gar nicht?
Dirk Thelen: Von außen sieht man meistens nur die Ergebnisse und die Namen auf der Mannschaftsmeldung. Dann entsteht schnell der Eindruck: Die holen einfach starke Spieler und marschieren durch. So einfach ist es aber nicht. Am Anfang ging es erst einmal darum, eine Trainingsgruppe aufzubauen, die überhaupt stabil funktioniert. Wenn man Leistungssport machen möchte, braucht man Trainingspartner, Trainer, Struktur und Verlässlichkeit.
Es gab Phasen, in denen wir wussten: Wenn wir jetzt nicht den nächsten Schritt machen, fällt uns vielleicht eine ganze Trainingsgruppe auseinander. Gerade im Tischtennis ist das sehr sensibel. Gute Spieler bleiben nicht automatisch, nur weil sie einmal da sind. Sie müssen sportlich gefordert werden, sich wohlfühlen und das Gefühl haben, dass es einen Plan gibt.
Dazu kamen natürlich auch sportliche Drucksituationen. In der Verbandsoberliga war zum Beispiel klar: Wenn wir nicht aufsteigen, wird es schwierig, die Dynamik zu halten. Später in der Regionalliga war es ähnlich. Wir wussten, dass in den kommenden Jahren sehr starke Mannschaften nachkommen würden. Deshalb war die Devise ein Stück weit: jetzt oder vielleicht erst wieder in einigen Jahren.
Was war rückblickend der entscheidende Faktor für diesen Aufstieg?
Dirk Thelen: Der entscheidende Faktor war nicht ein einzelner Spieler und auch nicht ein einzelner Sponsor, sondern die Trainingsgruppe. Alles steht und fällt bei uns mit dieser Gruppe. Wir wollten eine Struktur schaffen, in der Spieler besser werden können, egal ob sie Jugendliche, junge Erwachsene oder erfahrene Herren sind.
Viele Spieler sind nicht einfach wegen Motor Falkensee gekommen, sondern weil persönliche Verbindungen existieren. Man kennt sich aus dem Berliner und norddeutschen Tischtennis, man hat früher zusammen trainiert, gegeneinander gespielt oder sich über Jahre begleitet. Fast jeder Wechsel hat bei uns eine eigene Geschichte. Das wird von außen oft unterschätzt.
Wichtig ist auch: Wer bei uns spielt, soll dem Verein einen Mehrwert geben. Das kann über Training, über Sparring mit Jugendlichen, über Lehrgänge oder über Präsenz in der Halle sein. Wir wollen keine Spieler, die nur zum Punktspiel auftauchen, ihre Spiele machen und wieder verschwinden. Das passt nicht zu unserem Konzept.
Nun steht die 3. Bundesliga vor der Tür. Was ist das sportliche Ziel für die erste Saison? Klassenerhalt, obere Tabellenhälfte oder darf man in Falkensee schon größer träumen?
Dirk Thelen: Wir wollen in der 3. Bundesliga nicht nur dabei sein, sondern dort auch konkurrenzfähig spielen. Wenn man aufsteigt, nur um dann chancenlos wieder abzusteigen, bringt das niemandem etwas. Deshalb haben wir den Kader so geplant, dass wir realistisch mithalten können.
Trotzdem haben wir keinen überzogenen Druck. Unser ursprüngliches Ziel war einmal, bei den Damen und Herren Oberliga zu spielen. Das haben wir bereits übertroffen. Alles darüber ist in gewisser Weise Bonus. Natürlich will man sportlich erfolgreich sein, aber wir müssen nicht um jeden Preis sofort den nächsten Schritt erzwingen. Wichtig ist, dass die Entwicklung gesund bleibt.

Was habt ihr konkret unternommen, um die Abteilung zu professionalisieren?
Wir haben an vielen Stellen gleichzeitig gearbeitet. Der wichtigste Punkt ist die Trainingsstruktur. Wir haben inzwischen klare Gruppen, feste Zeiten und ein Konzept, wer wann mit wem trainiert. Die leistungsstärkeren Spieler stehen zum Beispiel zu bestimmten Zeiten bewusst als Trainingspartner für Jugendliche zur Verfügung, bevor sie anschließend selbst trainieren. Das ist ein Geben und Nehmen.
Ein weiterer Punkt ist die Organisation. Wir arbeiten mittlerweile deutlich digitaler, zum Beispiel bei der Tischplanung. Die Spieler melden sich an, dann wird geschaut, wie viele Tische für welche Gruppen benötigt werden und welche Kapazitäten für Sportler der unteren Mannschaftsspieler frei sind. Das klingt banal, ist aber bei einer großen Abteilung extrem wichtig.
Außerdem ist das Trainerteam breiter geworden. Es soll nicht alles an zwei Personen hängen. Natürlich spielen Claudia (Dirk’s Lebensgefährtin, Anm. Redaktion) und ich eine große Rolle, aber das Ziel ist, dass das Training auch funktioniert, wenn wir einmal nicht da sind. Das ist für mich ein Zeichen echter Professionalisierung.
In der Szene hört man immer wieder die Behauptung, Motor Falkensee habe einen großen Finanzier, der das Projekt antreibt. Was ist daran wahr?
Dirk Thelen: Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, entspricht aber so nicht der Realität. Natürlich braucht man Geld, wenn man überregional spielen und gute Trainingsbedingungen schaffen will. Das bestreitet niemand. Aber es gibt nicht den einen großen Geldgeber, der im Hintergrund alles bezahlt.
Zu Beginn konnten wir mit der Tierarztpraxis Sabine Schön unseren ersten Trikotsponsor gewinnen. Ergänzend kam ein Ausrüstervertrag mit TIBHAR in Zusammenarbeit mit Contra Berlin für unsere überregional spielenden Mannschaften hinzu. Dazu kamen Lehrgänge, Mitgliedsbeiträge, kleinere Unterstützer und immer wieder Menschen aus unserem Netzwerk, die bei konkreten Projekten geholfen haben. Wenn für einen Lehrgang, eine Fahrt oder eine Maßnahme Geld fehlte, haben wir versucht, dafür gezielt Unterstützung zu organisieren.
Was viele nicht sehen: Claudia und ich nehmen für die Arbeit im Verein kein Geld heraus. Was theoretisch für uns an Trainerhonoraren anfallen könnte, bleibt im System und wird wieder in Trainer, Trainingspartner, Fahrten oder Maßnahmen gesteckt. Ohne diese Haltung würde das Ganze in der Form gar nicht funktionieren.
Was verstehen die Kritiker von Motor Falkensee aus deiner Sicht am häufigsten falsch?
Dirk Thelen: Viele reduzieren den Erfolg auf Geld oder auf Spielerverpflichtungen. Das greift viel zu kurz. Natürlich sehen die Leute auf der Meldeliste starke Namen und denken sich ihren Teil. Aber sie sehen nicht, welche Beziehungen, Gespräche und Geschichten dahinterstehen.
Manche Spieler kommen, weil sie jemanden aus unserem Umfeld schon lange kennen. Andere suchen eine Trainingsgruppe, in der sie sich wohlfühlen. Wieder andere wollen nach einer Pause zurück an den Tisch oder suchen eine sportliche Aufgabe, die Sinn ergibt. Das ist nicht einfach eine Frage von: Wer zahlt am meisten?
Und wieder andere kommen nur aus persönlicher Verbundenheit. Beispielsweise, ein Robert Gardos, der uns in der vergangenen Saison im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen MTV Jever geholfen hat, tut das hauptsächlich, weil ich seinen Vater viele Jahre kenne und er unseren Weg unterstützen wollte.
Ein weiterer Punkt ist die Nachwuchsarbeit. Es wird manchmal so dargestellt, als würden wir nur fertige Spieler einsammeln. Tatsächlich versuchen wir, Spielerinnen und Spielern eine Perspektive zu geben, die in ihrem bisherigen Umfeld sportlich an eine Grenze stoßen.
Gerade im Nachwuchsbereich wird so etwas von anderen Vereinen nicht immer positiv gesehen. Wie geht ihr damit um?
Dirk Thelen: Ich verstehe, dass Vereine emotional reagieren, wenn gute Jugendliche wechseln und den Verein verlassen. Das ist nie schön. Wir versuchen aber, solche Dinge sauber und respektvoll zu lösen. Grundsätzlich sprechen wir nicht einfach wahllos Jugendliche an. Wir schauen sehr genau: Gibt es im bisherigen Verein noch eine passende sportliche Perspektive? Gibt es eine adäquate Mannschaft? Gibt es geeignete Trainingspartner?
Sollten wir bei einem Jugendlichen aus einem anderen Verein der Meinung sein, dass eine Förderung bzw. sportliche Weiterentwicklung bei uns sinnvoll sein könnte, suchen wir grundsätzlich zuerst das Gespräch mit dem zuständigen Trainer bzw. Verein. Der Jugendliche selbst wird von uns keinesfalls direkt angesprochen, ohne dass zuvor eine entsprechende Abstimmung stattgefunden hat.
Gleichzeitig erhalten wir regelmäßig Anfragen von Jugendlichen oder Trainern anderer Vereine, die sich bei uns erkundigen, ob für eine Spielerin oder einen Spieler noch ein Platz in einer bestimmten Liga bzw. Mannschaft zur Verfügung steht.
Am Ende muss man auch ehrlich sagen: Wenn ein Spieler oder eine Spielerin sich stark entwickelt, braucht er oder sie irgendwann ein Umfeld, das den nächsten Schritt ermöglicht. Früher bedeutete das für viele Brandenburger Talente fast automatisch: Wechsel nach Berlin. Wenn wir es schaffen, solchen Spielerinnen und Spielern in Brandenburg eine Perspektive zu geben, ist das aus meiner Sicht auch ein Gewinn für den Verband. So können wir auch mal den Fluß der Talente in Richtung Brandenburg ändern und das sportliche Gesamtniveau des TTVB heben.
In der Vergangenheit gab es immer wieder Vereine, die schnell aufgestiegen sind und später wieder verschwunden sind. Wie wollt ihr sicherstellen, dass euer Konzept nachhaltiger ist?
Dirk Thelen: Nachhaltigkeit entsteht für mich durch Struktur. Wir versuchen, nicht nur eine starke erste Mannschaft zu haben, sondern die darunterliegenden Mannschaften mitzunehmen. Unser Ziel ist, möglichst geringe Lücken zwischen den Spielklassen zu haben. Dann können Jugendliche oder junge Spieler auch während einer Saison sinnvoll höher eingesetzt werden, ohne gleich drei Ligen überspringen zu müssen.
Deshalb ist es uns wichtig, dass die zweite Mannschaft nachzieht und auch die weiteren Teams stabil stehen. Wenn oben etwas passiert, soll nicht das ganze Konstrukt zusammenbrechen. Das unterscheidet aus meiner Sicht ein Projekt von einer reinen ersten Mannschaft.
Genauso wichtig ist die Vereinskultur. Es funktioniert nur, wenn auch die Spieler, die schon lange da sind, den Weg mittragen. Bei uns gibt es erfahrene Spieler, die sagen: Wenn es für die Entwicklung der Jugendlichen sinnvoll ist, gehe ich auch eine Mannschaft tiefer. Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, dass der Verein als Ganzes verstanden hat, worum es geht.
Welche Rolle spielen Ehrenamt und Breitensport in diesem leistungsorientierten Konzept?
Dirk Thelen: Eine sehr große. Am Anfang ging alles sehr schnell, und da mussten wir auch lernen, die gesamte Abteilung besser mitzunehmen. Wenn eine Leistungsgruppe wächst, entstehen automatisch Konflikte um Hallenzeiten, Tische und Prioritäten. Das war bei uns auch so. Inzwischen haben wir dafür gute Lösungen gefunden.
Wir haben eine große Halle und viele Trainingszeiten, aber trotzdem muss man das organisieren. Wichtig ist, dass Breitensport, Nachwuchs und Leistungssport nicht gegeneinander arbeiten. Es darf nicht heißen: Die erste Mannschaft ist wichtig, alle anderen müssen Platz machen. Stattdessen versuchen wir, Übergänge zu schaffen. Wenn Tische frei sind, werden sie freigegeben. Wenn am Wochenende Lehrgang ist, wird geschaut, ob zusätzlich Platz für andere Gruppen bleibt. Dadurch ist das Miteinander in der Halle viel besser geworden.
Mal ehrlich: Wie oft hast du in den letzten Jahren nachts wach gelegen und gedacht: Was habe ich mir da eigentlich eingebrockt? Und wie viele WhatsApp-Nachrichten hat dich dieses Projekt bisher gekostet?
Dirk Thelen: Die Zahl der WhatsApp-Nachrichten möchte ich lieber nicht wissen. Wahrscheinlich wäre das erschreckend. Es gibt natürlich Momente, in denen man denkt: Warum mache ich das eigentlich alles? Gerade wenn man viele Gespräche führt, Gerüchte hört, Konflikte moderiert oder kurzfristig Lösungen finden muss.
Aber es gibt eben auch die anderen Momente: Wenn ein Jugendlicher plötzlich einen großen Entwicklungsschritt macht. Wenn ein Spieler, der eigentlich aufgehört hatte, wieder Spaß am Tischtennis findet. Wenn eine Mannschaft ein Ziel erreicht, das vorher unrealistisch wirkte. Dann weiß man wieder, warum man es macht.
Und manchmal braucht man auch einfach Hartnäckigkeit. Bei manchen Spielern, wie zum Beispiel Manuel Kupfer, habe ich über Monate immer wieder nachgefragt. Alle drei Monate ein Anruf, immer wieder: „Wie sieht’s aus?“ Irgendwann wird aus „Ich spiele eigentlich nicht mehr“ dann „Vielleicht zwei Spiele“ und später ein fester Teil des Projekts. Mittlerweile wohnt Manuel sogar in Falkensee und gehört darüber hinaus zu unserem erweiterten Trainerteam.
Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen: Woran würdest du erkennen, dass das Projekt Motor Falkensee ein voller Erfolg geworden ist?
Dirk Thelen: Ein Erfolg wäre für mich, wenn Motor Falkensee dauerhaft ein Standort ist, an dem ambitionierte Spielerinnen und Spieler in Brandenburg sehr gut trainieren und hochklassig spielen können. Es muss nicht zwingend die 2. Bundesliga sein. Wenn sich das sportlich ergibt, werden wir uns nicht dagegen wehren. Aber es ist kein Ziel, dem wir alles unterordnen.
Wichtiger ist mir, dass die Struktur bleibt. Dass Jugendliche nicht automatisch das Bundesland verlassen müssen, wenn sie besser werden wollen. Dass die Damen und Herren stabil überregional spielen. Dass die Trainingsgruppe funktioniert, auch wenn einzelne Personen einmal nicht da sind. Und dass der Verein nicht nur für eine starke erste Mannschaft steht, sondern für eine komplette Abteilung mit Nachwuchs, Ehrenamt, Breitensport und Leistungssport.
Wenn man in fünf Jahren sagen kann: Motor Falkensee hat nicht nur Spiele gewonnen, sondern im brandenburgischen Tischtennis etwas aufgebaut, das bleibt – dann wäre das für mich ein voller Erfolg.
Das Interview führte Mathias Kohlschmidt
Die 3. BL-Saison 26/27 im Check












